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Warum sitzen wir auf Wolke sieben, während englische Katzen neun Leben haben? Ein Streifzug durch Zahlen, Redewendungen und die herrlich unlogische Kulturgeschichte. Mit Zahlen habe ich es nicht. Nicht mathematisch. Kulturell. Wie auch als Grafiker. Ich kann nur Farben.
Ich habe neulich mit einer guten Freundin gesprochen. Ihre Beziehungsverhältnisse sind kompliziert. Müsste sie bei Facebook einen aktuellen Status eintragen, stünde dort vermutlich im Wechsel: Liiert. - Es ist kompliziert. Liiert. - Es ist kompliziert... Der letzte Anwärter vor einem Jahr war ein beschissener Neunmalklug. Sie ging mit ihm durch die neun Kreise der Hölle und zurück. Momentan sitzt sie wieder auf Wolke sieben. Warum eigentlich sieben? Warum nicht sechs? Warum nicht acht? Die einen hatten sieben Himmel. Die anderen irgendwann neun Wolken. Es wurde übersetzt, abgeschrieben, dazugedichtet – und plötzlich sitzt ein Deutscher auf Wolke sieben, während ein Engländer zwei Stockwerke höher schwebt. Cloud Nine. So sagt es der Engländer. Glück hat bekanntlich keine Höhenangabe aber eine amtliche Fallhöhe. Die Sieben taucht überall auf. Sieben Weltwunder. Sieben Zwerge. Sieben Jahre Pech. Sieben Sachen. Siebter Himmel. Über sieben Brücken musst du gehen. Und warum haben deutsche Katzen sieben Leben, englische aber neun? Ich stelle mir vor, wie das irgendwann beschlossen wurde. Irgendwo saßen Gott – oder wer auch immer – und sein Schreiberling an einem hölzernen Tisch und verteilten Zahlen. Willkürlich, total. Sieben Tage Regenwetter inklusive. Glück? – Mach’ Sieben. Katzen? – ...auch Sieben. Klugscheißer? – (Gott gähnt) ...kommt auf das Bundesland an. Im Bairischen heißt es siebengescheit. Hochdeutsch neunmalklug. Dieselbe Person. Andere Zahl. Anderes Bundesland, anderer Dialekt oder Regiolekt. Die größere Neun wirkt wie die ältere Schwester, die später zur Party kommt und sofort das Kommando übernimmt: Neun Tequila. Neun Tänze. Dann neun Monate Schwangerschaft. Hossa! Wenn sieben gut ist, dann ist neun offenbar besser. Oder anstrengender. Die Sieben wirkt abgeschlossen. Vollständig. Feierabend. Die Neun dagegen ist die übersteigerte Version. Nicht vollständig, sondern schon fast zu viel. Immer zwei mehr als du. Vielleicht ist das das eigentliche Prinzip der Kulturgeschichte: Niemand zählt nach. Ich mag solche Widersprüche. Sie machen die Welt größer, als sie ist. Wie die Katze. Ein Tier, das die meiste Zeit schläft, gelegentlich vom Schrank fällt und trotzdem sieben Leben besitzt. Ausgerechnet. Ich kenne Menschen, die schaffen nicht einmal eine Woche am Stück mit: Arbeit. Ordnung. Die Flasche Wein. Ich zum Beispiel. Also Ordnung. Der Rest ist Pflichtprogramm. Sieben Leben erscheinen mir ambitioniert. Vielleicht haben Katzen deshalb nie Karriere gemacht. Wer so viele Versuche hat, entwickelt keine Dringlichkeit. Wir schlafen da nochmal drüber. Kommt mir bekannt vor. Mein Nachbar dagegen bekommt genau ein Leben und füllt es vorsichtshalber mit Versicherungen. Man sorgt ja vor. Haftpflicht. Hausrat. Rechtsschutz. Alle Katzen lachen darüber. Sie haben Reserven. Sieben. In England sogar neun. Trotzdem haben wir Hannoveraner mal ihren König gestellt. Vielleicht erklärt das die kühle britische Höflichkeit in Norddeutschland. Am Ende gefallen mir Zahlen vor allem dann, wenn sie keinen Sinn ergeben. Sie wirken präzise und sind es nicht. Wie Mengenangaben auf Tiefkühlpizzen und Fertigessen (enthält 4 Portionen). Dann sind da noch die dreißig Minuten, die man angeblich warten soll, bevor man schwimmen geht. Stimmt nicht. Hab's probiert. Wie tausend Tode, die man manchmal stirbt. Stimmt wohl, hab's im Heidepark probiert. Wie ein Trio mit vier Fäusten. Schlägereien gehe ich aus dem Weg. Immer. Und Jahrzehnte später sitzt meine gute Freundin wieder auf Wolke sieben, streichelt eine Katze mit sieben Leben und diskutiert zum dritten Mal mit demselben Neunmalklugen darüber, wer von beiden recht hat. Vermutlich niemand. Aber die Zahlen bleiben.
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Cola war für mich nie einfach nur ein Getränk. Sie war Verbot, Belohnung, Familiengeschichte und irgendwann auch eine ziemlich verlässliche Methode, die Nacht zum Tag zu machen. „Du darfst keine Cola.“
Den Spruch höre ich seit 55 Jahren. Das erste Mal dürfte 1971 gewesen sein, als ich die goldbraune Erfrischung vom Tisch stibitzte. Kaum größer als ein Schaukelpferd, aber schon spezialisiert auf Schokolade, Eis und alles, was kalt und süß war. Und 2026 wieder. Regelmäßig. Mein zweites Wort nach „Mama“ war angeblich „Malocola“. Klingt wie ein verschollenes Genesis-Album zwischen Trespass und ABACAB. War aber mein eigener Name: Malo. Rio konnte warten. Schlafen war nie mein Ding. Um drei Uhr nachts rollte der Bagger durchs Schlafzimmer: Holzbauklötze, Spielzeugautos und Kuscheltiere wechselten geschlossen den Schlafplatz. Die Nachtruhe hatte ein abruptes Ende. Im Kinderbett war es langweilig geworden. Sehr zum Leidwesen meiner Eltern beherrschte ich ein breites Spektrum an Geräuschen. Bagger, Bohrmaschinen, V8-Motoren oder Flugzeuge? Konnte ich. Leider. Lautstark. Zu nachtschlafender Zeit. Ich schlief damals in Schichten. Von 21 bis 3 Uhr und nach dem Frühstück noch einmal von 7.15 bis kurz vor zehn. Dass das ungewöhnlich sein könnte, interessierte mich ungefähr so sehr wie Steuerrecht im Kindergarten. Zurück zu den Kaltgetränken. Zu Hause gab es Wasser, Milch, Apfelsaft und Kaffee. Das war mein Leben. Eine Etage tiefer wohnte Opa. Dort fand das wahre Leben statt: Süßigkeiten in der Schublade. Zitronen- und Orangenlimonade. Und Coca-Cola. Kein Mensch hätte sie mir freiwillig gegeben. Die Siebziger eben. Zucker galt noch als Lebensmittel und nicht als Straftatbestand. Kapitän Opa flog Leberwurstbrot mit Ketchup als kleine Flugzeuge direkt in meinen Mund. Oder daneben. Je nachdem, wohin mein Blick gerade sprang. Zurück zu den Kaltgetränken. Wenn ich als Kind Cola getrunken hatte, lief ich doppelt so schnell. Atmete schneller. Redete noch mehr. Zumindest nach Meinung der Erwachsenen. Ich hatte nur nie das Gefühl, vorher besonders langsam gewesen zu sein. Cola war mein heimliches Laster. Einmal angeleckt, für gut befunden und gespeichert. Ab da war Wasser eine sensorische Beleidigung. Wie H-Milch aus dem Tetrapak. Sah ich irgendwo eine Coca-Cola-Flasche mit dem weißen Schriftzug, war es um mich geschehen. Malocola. Malocola. Malocola. Verhandlungen? Sinn- und zwecklos. Wie eine springende Schallplatte spulte ich mein ganzes Repertoire ab: weinen, betteln, zittern, greifen. Wie ein Junkie wedelte ich mit allen Armen, die mein Körper hatte. Beine zählen übrigens auch als Arme. Ich hatte Zehen, die mühelos einen Flaschenverschluss öffnen konnten. Zurück zu den Kaltgetränken. Jahre später entdeckte ich Bourbon mit Cola. Ich hielt Whiskey für ein großartiges Getränk. Bis ich Malt entdeckte. Herausgestellt hat sich: Nicht der Bewegungsdrang durchs nächtliche Steintor hielt mich bis morgens wach. Die Cola. Aufgedreht war ich ohnehin. Rund um die Uhr. Selbst im Schlaf. Ein Espresso am Morgen sorgte höchstens dafür, dass ich müde weiterschlafen konnte. Früher sagte man Tausendsassa. Heute würde ich sagen: dauerhaft auf Sendung. Zurück zu den Kaltgetränken. Heute darf ich keine Cola mehr. Zwei Gläser am Abend – und die Nacht gehört mir. Erst paradoxe Müdigkeit, dann innere Unruhe. Nachdem ich mehrmals bis zum Morgengrauen geschrieben hatte und tagsüber wie erschlagen war, zog ich die einzig vernünftige Konsequenz: Kein Koffein mehr nach 16 Uhr. Morgens höchstens eine Tasse Kaffee. Fini. Gotov. Ende. „Du darfst keine Cola mehr“, sagt mein Mädchen. Genau wie früher. Damals glaubten alle, Cola würde mich aufdrehen. Heute haben sie damit ausnahmsweise recht. Offenbar wirken manche Erziehungsmaßnahmen nur mit jahrzehntelanger Verzögerung. Manche Menschen gehen einfach an einem Schaufenster vorbei. Ich nicht. Mein Blick bleibt an Buchstaben hängen, an Abständen, schiefen Folien und Dingen, die niemand sonst wichtig findet. Ein sehr zuverlässiger Reizfiltertest. Städte sind typografische Potpourris.
„Wir schneiden, was wächst." Comic Sans. Weiß auf Violett. Doppelschatten. Dann: Times New Roman. GROS SSC HRIF T. Mit schlechtem Ausgleich. Also gar keinem. Meine Begleitung, weiblich, ist fünf Schritte weiter. Dreht sich um. Ich stehe noch. Nicht aus Ehrfurcht. Sondern weil mich das nicht loslässt. Schaufenster-Beschriftung. Fünf Schritte. Der Abstand zwischen einem Menschen, der weitergeht, und einem Gehirn, das gerade nicht kann. Weil hier jemand gesessen hat – Laptop auf, vielleicht ein Cacık dabei – und entschieden hat: Das reicht. Das wird es tun. Dann auf Drucken gedrückt. Oder als .jpg exportiert. Das Worst-Case-Endformat für jeden Grafiker, Drucker und meinen guten Freund, Harry Plotter. Hier stimmt nichts. Der Zeilenabstand keucht. Das Kerning hat sich selbst aufgegeben. Woher auch – bei irgendeiner Gratis-PC-Schrift. Die Farbe schreit, aber ohne Botschaft. Irgendwer hat es bezahlt. Abgenommen. Ins Fenster geklebt. Leicht schief. Natürlich schief. Im 41-Grad-Winkel, aber zur falschen Seite. So beginnt das immer. Ich sehe das. Ich lese das. Leider. Bedienungsanleitungen. Hinweise an Türen in DIN A4. Wörter getrennt auf Papierflächen, bunt gedruckt, bis der Tintenstrahldrucker fehlendes Cyan reklamiert. Kleine Aufkleber an Laternen. Zettel und Aufkleber an Ampeln, die niemand abreißt und trotzdem seit Monaten tapfer durchhalten. Die Rückseite von Marmeladengläsern. Und dann diese Schaufenster: Frisöre, Dienstleister, Pizzabringdienste; ganze Romane in Folie. Geplottete Buchstaben aus Klebefolie, schwarze Kontur, die „Döner Kebab HELAL!“ nicht sagt, sondern schreit. Andere suchen Liebe, Parkplätze, WLAN. Ich suche Hinweise. Etiketten. Beilagenzettel. Wie ein Detektiv ohne Fall prüfe ich Klebebänder, Zeilenabstände, Schriftwahl und Versalien. Sans Serif. Serif. Oder, besonders schlimm: ALLES IN GROSSBUCHSTABEN. Überall. Jederzeit. Suchend. Es könnte ja wichtig sein. Für mich. Für die Welt. Schmerzhaft fürs Auge. Typografie ist mein eigentlicher Inhalt. Der Text ist nur Ausrede. Denn irgendwer hat sich hingesetzt und gedacht: Das muss gesagt werden. Und noch schlimmer: gesagt, geklebt und das auch noch schief. Spiegelverkehrt, abfallend. Ausfallend. Rechtschreibung? Verhandelbar. KI fixt schließlich auch nicht alles. Kerning dagegen lügt nicht. Zu dicht. Zu weit. A V, T o, W a – zwei Buchstaben reichen, und man sieht, ob jemand hingeschaut hat. Ich sehe Buchstaben, die sich weigern, Buchstaben zu sein. Am liebsten würde ich Klebefolie, Fön und Skalpell auspacken und direkt vor Ort tätig werden. Spontan. Dringend. Wie früher, als ich das noch gelernt hatte. Man hilft, weil man muss. Dringend. Vorbei die Zeiten, in denen Schildermaler, Schriftsetzer und Grafiker mit Pinsel, Farbe und geschultem Auge Schriften ins Glas brachten. In denen Gestaltung noch von Menschen kam, die gelernt hatten, warum zwei Buchstaben nicht automatisch gut nebeneinanderstehen. Ich vermisse diese Zeit nicht als Nostalgiker. Ich vermisse sie als jemand, der noch weiß, dass Form Haltung ist. Und dass Schrift – auch schlechte – immer etwas sagt. Neuerdings bekomme ich an der Edeka-Fleischtheke etwas in die Hand gedrückt. Kein Hack, keine Wurst – einen Zettel. „Nummer ziehen." Und plötzlich brauche ich fürs Grillfleisch dieselben psychischen Voraussetzungen wie für einen Termin beim Amt. Neuerdings bekomme ich bei meinem Edeka etwas Handfestes in die Hand.
Nein, kein Hack. Keine Wurst. Einen Zettel. „Nummer ziehen“, steht da. An der Fleischtheke. Warum eigentlich? Haben die sich mit dem Jobcenter abgesprochen oder war das ein Franchise-Angebot: Warten. Schweigen. Nummer sein. Ich stehe da und halte diesen Zettel wie ein amtliches Versprechen auf Demütigung. Ja. Super. Papier. Fortschritt. Die Fleischtheke ist keine Theke. Sie ist ein Gebilde. 30 Meter lang. L-förmig. Ein architektonischer Warnhinweis. Bewacht von mindestens vier Personen hinter dem Tresen. Kittel rot, Fleisch schon tot. Und dann: Geräusche. Das Murmeln. Das Räuspern. Das unentschlossene „Äh… also eigentlich wollte ich ja… aber dann doch…“. Menschen, die über Fleisch reden, als wäre es ein Haustier mit Gefühlen. Und fragen, ob die Mitte weicher ist. Wie beim Brötchen. Und immer wieder dieser eine Moment: Aus dem Hinterraum tritt er. Der Fleischer. Mürrisch. Schweigend. Trägt 10 Kilo Nackenkoteletts wie eine Last aus seinem früheren Leben. Legt sie ab. Schaut niemanden an. Brummt: „Nacken. Hack kommt gleich.“ Kein Satz. Eine Drohung. Die Nummer blinkt. Nicht meine. Natürlich nicht. Ich stehe da. Zettel in der Hand. Umgeben von Fleisch, Geräuschen und Menschen. Und frage mich, warum ich für Grillfleisch inzwischen dieselben psychischen Voraussetzungen brauche wie für einen Termin beim Amt. Fehlt eigentlich nur noch ein Schild: „Bitte haben Sie Geduld! Oder geben Sie auf.“ Früher wurde in Filmen noch artikuliert. Jedes Wort verständlich – auch wenn der Inhalt oft strunzdumm war. Heute warnt einen Netflix vor allem Möglichen, nur nicht vor dem Geräusch neben mir im (Kino)sessel. Über #Dialoge, #Triggerwarnungen und #Misophonie. Mein Steckenpferd sind Dialoge aus alten deutschen Filmen.
Da wurde noch artikuliert, nicht genuschelt, nicht ironisch kaputtgesprochen. Man verstand jedes Wort. Auch wenn der Inhalt meist strunzdumm war. Aber was erwartet man von Schulfilmen wie „Wir hau’n die Pauker in die Pfanne!“ oder „Betragen ungenügend! – Die Lümmel von der ersten Bank“. Schon die Titel klangen wie ein erhobener Zeigefinger mit Pomade. Betragen. Welch Poesie! Schon bemerkt? Bei Netflix und Co. stehen bei Filmen und Serien gleich am Anfang Sachen wie „grelle Lichter“, „vulgäre Sprache“, „Alkohol“. Triggerwarnungen. Meine fehlen. #NüsseKauen #SchlangeStehenUndWarten #RaschelnImKino #KaffeeEwigUmrühren #Schmatzen #Geräuschkulisse Erstaunlich. Triggerwarnungen sind Vorwarnungen vor Inhalten, die bei traumatisierten Menschen starke emotionale Reaktionen wie Flashbacks oder Panik auslösen können. Was an sich ja gut ist. Man ist gewarnt vor Rassismus, Sexismus, Homophobie, Mobbing, Gewalt und Blut. Interessiert meine Freundin aber nicht. Gefühlt ist das für sie ein Kaufladen oder eine Offerte: DEN Film will ich sehen: #Blut #Gehirn #Massaker #boesesmaedchen Sie ist da hart im Nehmen. Anders als ich. Ich weine bei Filmen wie „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“, während sie nur weint, weil „Saw 7“ grade zu Ende ist. Früher war das anders. Da wollten Männer harte Filme sehen und hielten durch, während Frauen sich das Kissen vors Gesicht hielten. Heute ist das manchmal umgekehrt. Zumindest bei uns. Mein Mädchen hält die Augen offen. Ich halte sie zu. Aus vielen Gründen: wegen der Dialoge. Wegen der fehlenden Dialoge. Wegen der fehlenden Handlung. Oder wegen der (schlechten) Schauspieler. Wir spinnen mal weiter: Bei Susi und Strolch fielen mir auch einige Triggerwarnungen ein:
Katzenbesitzer reklamieren: Keine Katzenperspektive enthalten. Frevel! Einer meiner Lieblingsfilme ist „Ein Fisch namens Wanda“, ein absolutes Gag-Feuerwerk von John Cleese. Die Triggerwarnungen, die dort vorkommen müssten, würden Seiten füllen.
Die Cosmopolitan würde noch: „Starke Frauenfiguren, die Männer verwirren könnten“ hinzufügen. Als Bonus gäbe es den Abspann-Hinweis: „Dieser Film spiegelt moralische Vorstellungen seiner Zeit wider. Niemand wurde während der Produktion gecoacht, validiert oder abgeholt.“ Manche Menschen riechen etwas und gehen weiter. Bei mir zieht der Geruch ein, richtet sich ein und bleibt. Eine Bestandsaufnahme in Handtüchern. Ich mag es sauber.
Nicht klinisch. Nicht Operationssaal. Ich erwarte nicht, dass morgens eine Schwester mit Mundschutz durch die Wohnung rollt und „Skalpell" sagt. Aber sauber. So sauber, dass ein Handtuch nicht aussieht, als hätte es bereits ein Vorleben in einer Autowaschanlage gehabt. Dreckige Handtücher sind der Untergang der Zivilisation. Die töten. Keine Bakterien, keine Mücken – Handtücher. Mich. Kakerlaken vermutlich auch. Notiz an die Wissenschaft. Mücken lachen über Handtücher. Bakterien gründen darin Kleingartenvereine. Mit Satzung, Vorstand und Sommerfest. Da wird nichts getrocknet. Da wird gezüchtet. Und gegrillt. Ekelhaft. „Geld stinkt nicht", sagt man ja gern. Doch! Sowas von. Bargeld riecht nach Bäckerhand, Busfahrt, Hosentasche, Kiosk, Falafelfett und dem diffusen Leben anderer Leute. Ein Zehneuroschein ist kein Zahlungsmittel. Das ist ein mobiler Tatort. Ich hasse es, nach dem Bäcker nicht die Hände sofort waschen zu können. Kartenzahlung nur ab fünf Euro. Natürlich. Also Bargeld. Aber das eigentliche Problem ist nicht Geld. Das eigentliche Problem ist Geruch. Geruch ist kein Sinneseindruck. Geruch ist Körperverletzung auf molekularer Ebene. Silberschmuck zum Beispiel. Silberschmuck ist kein Accessoire. Silberschmuck ist ein Auffanglager für alles, was riechen kann und wird. Halsketten besonders. Die liegen am Hals, schau an. Da, wo Haut, Parfum, Bodylotion, Sommer, Stress, Weichspüler und ein bisschen Leben zusammenkommen. Und irgendwann riecht das Ding nicht mehr nach Schmuck. Es riecht nach einer alten Münze, die in einer Adidas-Sporttasche überwintert hat. Sport ja, duschen nein. Ich habe mindestens zwei Beziehungen wegen einer billigen Halskette vom Mittelaltermarkt beendet. Offiziell war es „wir haben uns auseinanderentwickelt". So konnte man das in den Neunzigern straffrei formulieren. In Wahrheit war es: Diese Kette muss sterben. Die Beziehung folgt. Wenn der Hals riecht wie warmes Metall, ist der Abend vorbei. Fernbedienungen in Hotelzimmern. Die korrekte Ausrichtung „oben" erkennt man nur noch an der roten Farbe des Gummiknopfs. Aufschrift? Weggerieben. Vom Hautfett jahrzehntelanger Messebesucher auf Durchreise. Und dann diese Silikonarmbänder. Uhren, Schrittzähler, PowerPulse-Sporttracker. Sportlich soll das sein. Pfiffige Farben treffen auf Design. Nein. Das ist ein tragbares Feuchtbiotop. Nach drei Tagen riecht so ein Ding, als hätte jemand ein Fitnessstudio in Plastik eingeschweißt und alle Türen verschlossen. Spüllappen natürlich auch. Der Spüllappen ist der Cousin des dreckigen Handtuchs. Nur kleiner, aggressiver und gesellschaftlich akzeptierter. Man wischt damit die Arbeitsplatte ab und verteilt dabei nicht Sauberkeit, sondern Geschichte. Tomatensoße, Kaffee, Brotkrümel, Katzenfutter und neues Leben. Während der Pandemie fand ich eine Sache wirklich unfassbar gut: Plötzlich hatten alle saubere Hände. Endlich. Überall Desinfektionsmittel. In Läden. Am Eingang. Bei Ärzten. In Büros. Menschen standen davor und pumpten sich freiwillig Alkohol in die Handflächen. Das Zeug roch wie billigster Grappa in medizinischer Verpackung. Offenbar war plötzlich sogar mit Desinfektion richtig Marge zu machen. Ich dachte: Seht ihr? Es geht doch. Die Menschheit kann, wenn sie muss. Ich habe meine Hände bestimmt zehnmal am Tag desinfiziert. Und gründlich gewaschen. Zu gründlich. Irgendwann löste sich bei mir die Haut ab. Nicht symbolisch. Echt. Meine Hände sahen aus wie eine alte Tapete in einer Studenten-WG. Ich habe mir schon in jungen Jahren die Hände so lange gewaschen, bis man glaubte, dass es reicht. Was ich alles angefasst haben könnte: Türklinken, Treppengeländer, Hundekacke oder kiloweise Zeitschriften im Altpapiercontainer auf dem Schützenplatz. Eine sehr ergiebige Quelle für Perry Rhodan, Clever & Smart, Micky Maus und den Playboy. Letzterer war vermutlich das Schmutzigste, was man als Elfjähriger in den Achtzigern legal anfassen durfte. Einer meiner Freunde hieß Polyboy. Gegen Schmutz und Staub für braun furnierte Jugendmöbel aus dem Porta. Sonntags, nach dem Frühstück, ging es an das Eingemachte. Dem Schmutz der Woche wurde mit Lappen, Warmwasser mit Spüli und der braunen Sprühdose Einhalt geboten. Ich habe das später übernommen. Und nie wieder abgegeben. Saubere Sache. Ein Geruch geht bei mir nicht in die Nase und dann wieder raus. Ein Geruch zieht ein. Richtet sich ein. Hängt Bilder auf. Macht die Steuererklärung und ruft immer kurz vor der Tagesschau an. Andere Menschen sagen: „Ach, so schlimm ist das doch gar nicht." Doch. Ist es. Der Geruch. Nicht der Anruf. Nur nicht für euch. Für euch reist ein Geruch durch. Bei mir bleibt er, wird eingebürgert, und beim nächsten Schützenfest sitze ich neben der goldenen Schützenkette. 127-jähriges Jubiläum. Die komplette Vereinsgeschichte. Alle Namen in Metall graviert. Von allen Vorkönigen händisch übergeben. Es lebe der König! (Glückwunsch, Cheese!) Zur Hälfte Sprachchaos, zur Hälfte immer halb irgendwas. Nur mein Magen versteht kein „halb". Über Herkunft, Paprika in Eskalationsstufen und die Familie, die Konflikte nicht löst, sondern weichkocht. Halbe Sachen kann ich gut.
Mit einem Ohr zuhören. Mit einem Auge schlafen. Ein halbes Gespräch lang interessiert schauen. Die Hälfte beim Einkaufen vergessen. Trotz Einkaufszettel. Wenn ich ihn nicht vorher verlege. Ein halbes Lamm, ein halbes Pfund Mett, ein Kessel Gulasch – versteht mein Körper. Aber halbe Portionen? Da hört er nichts. Zur Hälfte bin ich Kroate. Ich habe das lange dementiert. In meinem kleinen Dorf war „Ausländer“ kein Trend, sondern eher hinderlich. Mein Nachname half. Ich war inkognito. Daheim kein Wort Kroatisch gesprochen – ich hätte gekonnt, mehrfach urlaubsbedingt. Aber nur halb. Und schlecht. Oma, Onkel, Tanten sprachen einfach kein Deutsch. Ich musste jedoch akustisch überleben zwischen Gesten, Lautstärke und einzelnen Vokabeln, die ich verstand oder verstehen wollte. Imitieren konnte ich. Improvisieren musste ich. „Jebem ti sunce.“ Jugos sind Weltmeister im Fluchen. Old School – wir fuhren noch nach Jugoslawien, nicht nach Kroatien. Heute ein riesiger Unterschied. Damals: eine lange Fahrt durch Serpentinen in den Bergen. Nicht dahin, wo Winnetou mit Old Shatterhand ritt, sondern dahin, wo Paprika in Eskalationsstufen verkauft wird – bis kurz vor Ungarn. Mild. Scharf. Scheiße scharf. Schweißperlen. Ein Grund, warum Opa und ich Gulasch mögen. Und vielleicht ein Grund, warum ich manchmal kryptisches Zeug rede. Schon mal Ungarisch gehört? Das klingt wie Paprika auf Konsonantenbasis: „Nyald meg a seggem“. Heißt so viel wie: Leck mich am Arsch. Oder besser – lass es. Opa Nummer zwei war halber Ungar, halber bayerischer Schwabe. So viele halbe Identitäten in einem einzigen Mann, dass vermutlich deshalb Österreich-Ungarn zerbrach. Ein Vielvölkerstaat im Feinripp-Unterhemd. Und ich? Immer halb hungrig. Der Balkan löst Konflikte nicht – er kocht sie weich. Mit „Jugos“ meine ich Kroaten, Serben, Bosniaken. Kurz: alles, was mal in einen Staat gepresst wurde. So wie sich meine Eichhörnchen im Kopf verteilen, so verteilt sich meine Familie über den gesamten Balkan. Primär Kroatien. Nur nicht der Teil des Landes, wo die Adria unfassbar schön ist. Natürlich nicht. Beleidigungen unter der Gürtellinie? Hier Alltag. „Neću“ – Ich will nicht. Das Wort existiert. Aber nur rein phonetisch. Sobald Essen auf dem Tisch steht, gilt es als Beleidigung. Deine Strafe: die doppelte Portion. Kurze Verschnaufpause. Dann süße Palatschinken. Gefüllt. Was anderswo ein Hauptgang wäre, ist dort Vorspeise zur Nachspeise nach Vor-Vorspeise, weiterer Vorspeise, Suppe, Hauptgang I, Hauptgang II, etwas Süßes, etwas Gebackenes. Halbe Hähnchen? Gibt es im Kroatischen nicht. Nur Deutschland. Bei Oma Draga gab es Hähnchen. Plural. Für jeden eins. „Pola, pola.“ Halb, halb. Zweimal halb ergibt ganz – zumindest kulinarisch. Und Fleisch. Viel Fleisch. Doppelt satt. Halbe Sachen? Gibt es da nicht. Nur ich war immer halb irgendwas: Halb Sprache. Halb Herkunft. Halb Identität. Vielleicht hat meine kroatische Oma deshalb immer für zwei gekocht. Damit ich irgendwann ganz werde. Wir reden nicht über Portionen. Wir reden über Töpfe, die nach Zuhause riechen. Über Alufolie, die mehr schützt als nur Essen. Über riesige Töpfe, die nie leer werden wollten. Über feierliche Gelage, die Tage dauern – nicht weil man muss, sondern weil man bleibt. Halb ist kein Maß. Es ist eine Einladung. Und die nimmt man gefälligst an. In jeder Familie gilt die Dreierregel: Noch drei Stück. Noch zwei Löffel. Noch ein Teller. Nicht aus Zwang. Aus Liebe. Zum Essen. Und zu dir, Gast. Es ging darum, dass niemand hungrig bleibt. Nicht am Tisch. Und nicht im Leben. Das Wort Diät existiert nur theoretisch. In der Praxis gibt es nochmal Nachschlag. „Jebi ga!“ „Hauptsache, du hast was in der Hand", sagt mein Vater. Hab ich: eine Nummer. Und während alle anderen brav stillhalten, macht mein Kopf schon Inventur – Fluchtwege, Ausstiege, Identitäten. Mit typografischen Störern, die kein Fehler sind, sondern das Thema. Warum ich niemals zum Bürgeramt kann? Ganz einfach. Das Bürgeramt ist die Endstufe.
Bürgeramt heißt: Nummer ziehen. Und warten. Die Nummer selbst ist gar nicht das Problem. Im Gegenteil. Ich hab was in der Hand. Und sofort höre ich meinen Vater bellen: „Junge! Da hast du wenigstens was in der Hand!“ Recht hat er. Etwas in der Hand beruhigt. Bargeld. Gold. Schmuck. Irgendwas Festes. Etwas Reales. Nichts Digitales, nichts Virtuelles, nichts „Wir melden uns“. Etwas, das man notfalls in ein Schließfach legt. In der Bank. Dem sichersten Ort der Welt. Also dachte man. Dachte ich. Bis man gemerkt hat: Nicht mal das stimmt mehr. Zurück zum Amt. Nummer ziehen heißt: Du bist jetzt offiziell Wartender. Reduziert auf eine Ziffer. Kein Mensch. Kein Name. Eine Hoffnung mit Abrisskante. Und dann: sitzen. Mit Menschen. Vielen Menschen. Essenden, atmenden, telefonierenden Menschen. Menschen, die ihre Biografie laut nach außen tragen. Die kauen, als hätten sie dem Geräusch etwas zu beweisen. Die telefonieren, als wären sie allein auf einem Berg. In Nepal. Mit Echo. Misophonie sagt meinem Nervensystem: Wir sterben hier. Nicht langsam. Sofort. Dieses Warten. Dieses Scharren. Dieses Rascheln von Formularen. Dieses Husten, das nicht krank ist, sondern dominant. Dieses ständige „Ich bin auch noch da“. Blicke, die nicht schauen, sondern suchen. Nach Hilfe. Nach Schuld. Nach einem Fehler, den man erklären kann. Augen, die an Türen hängen bleiben, als könnten sie lesen, was dahinter gleich passiert. Ohren, die den digitalen Dreiklang »di-dü-däng« aufsaugen, als könnte es jederzeit der eigene sein. Immer die Angst, den eigenen Moment zu verpassen. Menschen sitzen da wie Koffer ohne Etikett. Alles dabei, aber niemand weiß, wohin. Türen gehen auf, Türen gehen zu. Menschen rein. Gebrochene raus. Ich sitze da mit meiner Nummer. In der Hand. Wie Falschgeld. Wie Gold. Wie ein kleines Versprechen, dass ich irgendwann drankomme. Ich drehe es zwischen den Fingern, falte einen Flieger daraus, glätte es wieder. Als wäre es mehr als Papier. Mein Kopf macht längst Inventur: Fluchtwege. Ausstiege. Identitäten. Alle sind gereizt. Und irgendwann ist selbst der Kopf müde. Und dann denke ich wieder an meinen Vater. „Hauptsache, du hast was in der Hand.“ Ja. Hab ich. Eine Nummer. Leicht. Austauschbar. Und erstaunlich schnell wertlos, sobald sie aufgerufen wird. Nummern, Regeln, stilles Sitzen: ein virtueller Käfig, in dem meine zwanzig Eichhörnchen-------------------------------------------- ---------------gleichzeitig --------gegen --------------alle ------------------Wände --------------laufen. Kein Drama. Kein Aufschrei. Man prüft dort nicht, ob man Hilfe braucht. Man prüft, wie lange er stillhält. Bei mir: kaum. „Korrekt." Ein Wort, drei Tage zu spät, ohne Zusammenhang – denn den habe ich gelöscht. Radikal, als würde Speicherplatz noch Geld kosten. Über ADHS, das digitale Gedächtnis und die Frage, wie man auf etwas antwortet, dessen Ursprung im Mülleimer liegt. Ich kenne Menschen, die verlieren Namen und Telefonnummern.
Ich verliere nur immer wieder den Faden. Und ich hasse es. In solchen Momenten merke ich: Ich bin nicht bei mir. Kontrolliertes Chaos. Aber offenes Gelände, Balkone in 3. Etagen mit schwachem Geländer – das macht mir Angst. Strukturen liegen mir nicht. Meine Gedanken marschieren nicht im Gleichschritt. Sie gehen spazieren. Sie biegen ab. Manchmal kommen sie nicht zurück. Ich bin digital. Papier ist geduldig. Digitales ist unendlich. Und ich lösche es. Nachrichten schreiben kann ich. Information rein, Antwort raus. Effizienz ist kein Problem. Das Problem sind die Lücken. Unbeantwortete Fragen mitten im Text. Sätze, die stehen bleiben wie Möbel im Treppenhaus der fünften Etage. Also lösche ich. Konversationen, Verläufe, ganze Dialoge. Radikal, als würde Speicherplatz Geld kosten. Ordnung durch Vernichtung. Drei Tage später schreibt mir jemand: „korrekt.“ Gesamtzeichen: 6. Kleingeschrieben. Wie eine defekte Word-Datei. Passt ins Gesamtbild. Er spart. Worte sind teuer. K o r r e k t w a s? Der Termin? Der Streit? Ein Geständnis? Eine Drohung? Ich weiß es nicht. Die Vergangenheit liegt im Mülleimer. Wie antwortet man auf ein Wort, dessen Ursprung man gelöscht hat? „The person you’ve called is temporarily not available.“ Ich bin nicht verfügbar. Ich habe den Anschluss gelöscht. Den Text, nicht den Menschen. Das wurmt mich. Ein-Wort-Sätze. Schlimm. Über die Jahre habe ich Strategien entwickelt. „Prima.“ Ein-Wort-Antwort. Ein-Wort-Feedback. Ein-Wort-Aufschlag. Ein-Wort-Rückhand. Wir spielen Tennis. Oder: „Wie war das in der Mitte nochmal?“ Zeitgewinn durch Charme. Oder die ehrliche Variante: „Ich habe keine Ahnung, was du meinst.“ Ehrlichkeit ist attraktiv. Bis sie Beziehungskosten verursacht. Nachts wird es gefährlich. Nach drei Cocktails verlieren Diskussionen ihre Ränder. Dann schreiben Gefühle schneller als der Verstand. Dann wechsle ich in den Dreischichtbetrieb. Koordination dauert. Am nächsten Morgen bleibt Text. Und Scham. Ich wäre gerne ordentlicher im Umgang mit Nachrichten. Wie bei E-Mails. Mein Faden ist wieder weg. Vielleicht liegt er im digitalen Abfall. Zwischen gelöschten Gesprächen und einem einzelnen „korrekt“. Ich trinke jetzt erstmal Sekt. Auf die Unordnung! Leere Käsepackung zurück in den Kühlschrank, Portemonnaie auf Weltreise, Schlüssel steckt außen in der Tür. ADHS heißt nicht, dass nichts funktioniert – nur alles gleichzeitig, und dabei im Weg. Warum 116 116 mein 112 ist. Ich erzähle euch mal was. Etwas Unglaubliches. Also für euch. Für mich ist das Alltag. Für „uns“ vermutlich auch. Über Rituale.
Das hatten wir schon: Leere Wurst- und Käsepackungen gehören zurück in den Kühlschrank. Mit Absicht, damit man sich beim nächsten Öffnen zuverlässig darüber aufregen kann. Aber: da ist noch mehr. Rituale geben Halt. Auch falsche. Das ist kein Chaos. Das ist Struktur mit kreativer Freiheit. ADHS heißt nicht, dass nichts funktioniert. Es heißt nur, dass alles gleichzeitig funktioniert und sich dabei gegenseitig im Weg steht. Der Kühlschrank ist dabei kein Haushaltsgerät – er ist mein Archiv. Ein Spiegel. Ein Ort, an dem Hoffnungen, Käse und Cornichongläser altern. Man öffnet ihn, sieht die leere Packung und denkt: Das habe ich doch gestern schon geahnt! Und schließt den Kühlschrank wieder. Zufrieden. Weil sich die Vorhersage erfüllt hat. Ha! Genugtuung! Ich erzähle euch das, weil solche Dinge von außen komisch wirken, von innen aber logisch sind. Fast zwingend. Denn irgendwo muss die Wut ja hin. Wut ist unübersichtlich und hat variable Öffnungszeiten. Der Kühlschrank dagegen ist greifbar; Ehrlich. Er enttäuscht einen fast immer auf Augenhöhe. Besitzer von hüfthohen Kühlschränken erkennt man daran, dass sie beim Joghurtgreifen automatisch in die Knie gehen. Das ist kein Haushaltsgerät, das ist funktionelles Fitnesstraining mit Kühlfach. Wer da unten noch Senf findet, hat ihn sich verdient. Und während man sich noch über die leere Flasche Orangensaft ärgert, weiß man schon: Das Portemonnaie ist weg: Noch nicht konkret. Aber gefühlsmäßig. So wie ein Gewitter, das man nicht sieht, aber im Knie spürt. Man sucht dann. Ruhig zuerst. Dann systematisch. Dann kreativ. Und irgendwann wird es so intensiv, so unübersichtlich, so innerlich laut, dass man eine rationale Entscheidung trifft: lieber die Kreditkarte sperren. 116 116. Die Nummer kenne ich auswendig. Aus früheren Ermittlungen. Eigenen. 116 116 ist das neue 112. Nur ohne Blaulicht. Und mit mehr Scham. Doppelt eins, doppelt sechs. Doppelt Sicherheit. Doppelt Panik. Doppelt doppelt, lieber Gunter. Gunter war mein Chef – vor Jahrzehnten. Gunter hat alles wiederholt. Alles alles. Jeden Satz Satz. Ich wiederhole mich ja auch permanent. Nur nicht aus Prinzip. Aus System. Das ist der Wendepunkt. Das ist der Moment, in dem das Portemonnaie beschließt, sich wieder zu zeigen. Abends. In der Jacke. In genau der Jacke, die man dreimal durchsucht hat. Gründlich. Sehr gründlich. Fast liebevoll. Ich erzähle euch das, weil ADHS viel mit Zeit zu tun hat. Mit zu früh, mit zu spät. Und mit genau richtig – aber niemand merkt es. Man lebt in einer Welt voller Systeme: Schlüssel haben Orte, Apps haben Ordner. Notizbücher haben Seitenzahlen, Post-It’s haben farbige Reviere. Und man selbst hat gute Absichten. Sehr viele. Man kann sie nur leider nicht alle gleichzeitig erinnern. Der Schlüssel liegt immer an derselben Stelle. Immer. Das habe ich vor Jahren nach endlosen und verzweifelten Suchen beschlossen. Mehrfach. Und trotzdem liegt er manchmal woanders. Hexenwerk! Oder er steckt noch in der Wohnungstür. Außen. Ohne Zeugen. Ohne Motiv. Wenn man seine Nachbarn kennenlernen will: dann so. Ich erkenne inzwischen am Klingeln, dass mein Schlüssel noch steckt. Vielleicht ist das alles kein Versagen. Vielleicht ist es nur eine andere Art, sich zu orientieren. Nicht mit Linien, sondern mit Geschichte. Und die beginnen oft im Kühlschrank. Mit einer leeren Käsepackung. Rituale geben Halt. Auch falsche. |
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AutorMario Neitzke Grafiker und Schriftsteller aus Hannover. Ich schreibe Essays über Alltag, Familie und die unsichtbaren Systeme, die uns strukturieren. Meine Texte beginnen unscheinbar – mit einem Geruch, einer Straßenbahn, einer verlegten Nachricht – und nehmen von dort aus ihre eigenen Wege. Viel Spaß! Archiv |
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